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Rund 250 Menschen beteiligen sich am Friedensmarsch in Erbach und Michelstadt

Odenwälder Echo, 17.04.2017

Von Gabriele Lermann

ERBACH/MICHELSTADT - Vermutlich war es den traurigen wie entsetzlichen aktuellen Ereignissen geschuldet, dass der Aufruf zum Odenwälder Friedensmarsch die Zahl der Ostermarschierer am Samstag hat deutlich ansteigen lassen. Die Auftaktkundgebung fand auf dem Erbacher Marktplatz statt. Harald Staier, Vorsitzender des DGB-Kreisverbands, machte die Rüstungsexporte und den Umgang mit Schutz suchenden Menschen in Europa zu den Schwerpunkten seiner Rede.

„1,8 Billionen Euro werden jährlich für Rüstung ausgegeben, die Rüstungsexporte wachsen gleichzeitig an“, mahnte Staier. Dem gegenüber stehen 65 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind. Die Antwort Europas zeigt sich in abgeschotteten Grenzen; das Mittelmeer ist zur tödlichsten Grenze der Welt geworden. Rassismus und Hass statt Menschlichkeit prägten auch das Klima in Deutschland. In der Politik knicke man vor diesen Stimmungen ein, befeuere sie sogar teilweise. Inzwischen so weit, dass Geflüchtete in Kriegsgebiete wie Afghanistan abgeschoben werden.

 

  • ZUR TRADITION
    Der Odenwälder Friedensmarsch blickt auf eine jahrzehntelange Tradition zurück. Zu den Organisatoren zählen das Bündnis „Odenwald gegen Rechts“, der DGB-Kreisverband, die regionale Attac-Gruppe, die Naturfreunde Odenwald, das Katholische wie das Evangelische Dekanat Odenwaldkreis, die christliche Friedensbewegung „Pax Christi“, die Arbeitsloseninitiative „Kompass“, die Gewerkschaften EVG und Verdi Südhessen, sowie politische Parteien: die Jusos, die SPD, Bündnis 90/Die Grünen, die „Grüne Jugend“, Die Linke, die Linksjugend (solid) sowie die DKP.

    Die Kreisspitze wurde vom Kreistagsvorsitzenden und Landtagsabgeordneten Rüdiger Holschuh (SPD) vertreten, die Spitze der Odenwälder Grünen war mit Elisabeth Bühler-Kowarsch und Horst Kowarsch vertreten, die Linke Spitze mit Stephan Krieger und Lothar Löll. (glb)

Kreistagsabgeordnete Eva Heldmann (SPD) freute sich über das „bunte Bild“, das die Friedensaktivisten boten. Aber sie warnte wie Staier vor zunehmender Spaltung in der Gesellschaft. Ein Grund, weshalb man heute die alte Tradition der Friedenslieder beim Ostermarsch besonders hervorheben wolle. Musikalisch unterstützte dies Lothar Löll. Nachdem die gut 150 Demonstranten die B45 und die Erbacher Straße passiert hatten, erwartete sie die Hauptrednerin, Friedenspfarrerin Sabine Müller-Langsdorf vom Zentrum Ökumene in Frankfurt.

Empörung und Entsetzen, so ihre Botschaft, wachsen täglich. Aktuell trage dazu die US-Bombardierung am Karfreitag in Afghanistan bei. „Eine Bombe, die nahe der Stärke einer Atombombe liegt“, als die „Mutter aller Bomben“ zu bezeichnen, mache die Verachtung deutlich, die die US-Regierung angesichts Müttern und Kindern an den Tag lege. „Ostermarsch 2017 – und die Welt ist alles andere als friedlich“, empörte sich die Christin. Denn immer angespannter entwickelten sich die Konflikte auch zwischen den Großmächten. Dem allen liege eine seit Jahrzehnten gewachsene Gier nach Ressourcen und Weltherrschaft zugrunde.

Der Ruf nach Frieden ist im Wahljahr besonders wichtig, erklärte die Pfarrerin, es gelte genau hinzusehen, welche Parteien sich tatsächlich für den Frieden stark machten. Welche sich konsequent gegen Rüstungsexporte und Aufrüstung einsetzten, sich gegen finanzielle Handreichungen wie Bürgschaften zum Aufrüsten anderer Nationen einsetzten. Auch welche dem Herstellen und dem Export von sogenannten Kleinwaffen entgegenwirken, Waffen, die oft in die Hände von Kindersoldaten oder radikalen Gruppierungen gelangen. Die deutsche Rüstungsindustrie verdiente im Vorjahr 6,88 Milliarden Euro, 2015 noch eine Milliarde Euro mehr.

Die Pfarrerin hielt sich mit Lösungsvorschlägen nicht zurück: NATO-Regierungen könnten, statt aufzurüsten, mit anderen Großmächten über Abrüstung verhandeln. Deutlich sprach sich Müller-Langsdorf gegen Werbe-Kampagnen der Bundeswehr, vor allem in den Schulen, aus. Zu viele Jugendliche würden mit verlockenden Angeboten angeworben, ohne dass ihnen deutlich gemacht wird, dass Militär tötet und eben nicht zu „Ärzte ohne Grenzen“ zählt. Eine zivile Gewissensbildung fördere das Militär eben nicht.

Einig war sie sich mit ihren Vorrednern, dass der Umgang mit Schutzsuchen an europäischen Grenzen mehr als menschenverachtend ist. Begriffe wie „Migrationsmanagement“, „EU-Türkei-Deal“, „Migrationspartnerschaft“ oder „Rückführungsabkommen“ bedeuteten nichts anderes, als eine tolerierte, wachsende Zahl von Todesopfern im Mittelmeer.

„Rassismus zu wählen heißt, andere zu quälen“, erinnerte Schulsprecher Jan Müller (Gymnasium Michelstadt) an die Anti-Rassismus-Kampagne seiner Schule. Ja zur Menschlichkeit und Nein zu Rassismus lautete sein Appell. Den musikalischen Ausklang des Friedensmarsches bot die junge Band „Tinnitus“.